Wohnhaus

Scharnhorststraße 9 · Nippes

Baudenkmalnummer DE_05315000_A_7324
Typ Gebäude-Denkmal
BezeichnungWohnhaus
Adresse Scharnhorststraße 9, 50733 Köln
Baujahr1905 bis 1910
Eigentumprivates Eigentum
Eingetragen seit 24.01.1995
Stadtteil Nippes

Erbaut 1905/10, L-förmiger Grundriß, 4 Geschosse, ausgebautes Dachgeschoß, Mansarddach, Ziergiebel, 2 Achsen, Stuckgliederungen in Anlehnung an Formen der Renaissance, neobarocke Fassadendetails, Erker auf trapezförmigem Grundriß mit abschließendem Balkon (verändert), Dachaufbau in der linken Achse, Eingang links, originale Eingangstür mit sprossengeteiltem Oberlicht, hochrechteckige Fenster mit geraden Abschlüssen, in den Obergeschossen paarweise zusammengefaßt, alle straßenseitigen Fenster erneuert. Rückseite: Backstein, mit horizontalen Gliederungen in gelb, Fenster mit segmentbogigem Abschluß, alle den Wohnungen zugehörige Fenster erneuert, Treppenhausfenster und Hoftür original. Vestibul: mehrfarbige Bodenfliesen, bis zu halber Höhe Wanddekoration mit ein- und mehrfarbigen Jugendstilfliesen, reicher Deckenstuck, konsolgetragener Durchgang vom Vestibul zum Treppenhaus, im Erdgeschoßbereich des Treppenhauses farbige Bodenfliesen sowie Deckenstuck, Terrazzotreppe, Holzgeländer mit Antrittspfosten und Handlauf, Treppenpodeste mit mehrfarbigen Fliesen ausgelegt, Wohnungseingangstüren einschließlich Gewände original. Im Innern original erhalten: Holzdielenböden, z. T. originale Türgewände und Türen, z. T. Stuckdecken in den straßenseitigen Räumen. Vorgarten mit originaler Einfriedung, gußeiserne Vergitterung, der rückwärtige Garten von originaler Einfriedungsmauer in Backstein umgeben.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde aus dem 1888 nach Köln eingemeindeten ehemaligen Bauerndorf Nippes ein bedeutender Industriestandort mit rasch anwachsender Arbeiterbevölkerung. Im Gebiet nordöstlich der Kempener Str. und bis zum Inneren Grüngürtel entstanden rund um die Mauenheimer- und Florastr. neue Wohngebiete, deren Bauten aufgrund des gestiegenen Bedarfs an Wohnraum fast gänzlich als Miethäuser erscheinen. Im wesentlichen prägen um die Jahrhundertwende errichtete zwei- bis dreigeschossige, oft drei Fenster breite Wohnhäuser in Backstein und mit sparsamen Dekorationsformen, und bis ins frühe 20. Jahrhundert geschaffene drei- bis viergeschossige Bauten mit teilweise reich dekorierten Fassaden in Stuckarchitektur den Stadtteil. Die Florastr. - wie ihre westliche Verlängerung, die Mauenheimer Str. - aus einem alten Flurweg hervorgegangen, ist noch weitgehend geprägt durch Gebäude dieses Zeitraums und durch die genannten Architekturformen.

Nördlich der alten Achse Flora-/Mauenheimer Straße und zwischen der Neusser- und Bülowstraße gelegen. In der Zeit von 1900 bis 1905 wurde die Scharnhorststraße wie auch benachbart gelegene Straßen (Blücher- und Waterloostraße) systematisch für eine Bebauung durch mehrgeschossige Miethäuser - quantitativ gesehen in der zweiten Hälfte des 19. und bis in die ersten Jahrzehnte unseres Jahrhunderts, die wichtigste neue Bauaufgabe - erschlossen. Diese gruppieren sich um die 1905 nach dem Entwurf von Fritz Encke geschaffene große rechteckige Grünanlage Leipziger Platz. Erschließung und Erstbebauung der Scharnhorststraße sind in einem städtebaulichen Zusammenhang zu sehen. Dieser entspricht sozialgeschichtlich einer um die Jahrhundertwende mit relativer Stagnation der industriellen Entwicklung einsetzenden Wandlung des Industriestandortes Nippes zum beliebten Wohnort auch wohlhabenderer Schichten des Mittelstandes. Die Scharnhorststraße zeigt das typische Bild aus der Zeit des raschen Anwachsens des Stadtteils Nippes - schmale Mietwohnhäuser, die aus Ziegeln aufgemauert sind und schlichte Formen in Anlehnung an Epochenstile aufweisen. Die Gebäude dokumentieren eine weitgehend geschlossene Zeile der erhalten gebliebenen Erstbebauung. Trotz mancher Verluste an historischer Substanz zeigt die Straße ein für die Zeit kurz nach der Jahrhundertwende charakteristisches - vom Jugendstil beeinflußtes historistisch-variantenreiches Erscheinungsbild der Fassaden drei- bis viergeschossiger, auf mittelständische Kreise zugeschnittener Mietwohnbauten. Das Haus Nr. 9 zeigt eine ausgewogen gestaltete Schaufassade mit antikisch geprägten Dekorationen (kräftiger Fugenschnitt über die gesamte Fassadenfläche, Stockwerkgesims, individuell gestaltete Fensterverdachungen, im 2. Obergeschoß mit flach hervortretenden bauplastischen Details in den Bogenfeldern, in den Brüstungsfeldern individuell gestaltete Jugendstilzierformen, profiliertes Dachgesims, Dachaufbau mit geschwungener Verdachung). Das Gebäude ist ein Beispiel für die repräsentative, gestalterisch aufwendige Mietwohnarchitektur zu Anfang unseres Jahrhunderts in Nippes. Aufgrund des weitgehend erhaltenen Originalzustands, insbesondere auch der Inter- ieurs mit der an bürgerliche Architektur- und architektonische Hoheitsformen anknüpfenden Gestaltung ist das Gebäude für das Erscheinungsbild der Scharnhorststraße und als Dokument sowohl des Sozialstatus` als auch der Repräsentationsbestrebungen seiner Erbauer und Bewohner von Bedeutung. Die in unmittelbarer Nachbarschaft gelegenen Gebäude (Nrs. 1, 4, 5, 7, 8) weisen aufeinander bezogene Fassaden in Formen überlieferter Epochenstile auf und bilden mit der Nr. 9 ein Ensemble historistischer Architektur. Weitere Gebäude dieser und der gegenüberliegenden Zeile wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört, wurden in modernen Formen wiederaufgebaut oder erstanden als Neubauten. Die Vielfalt in Anwendung, Abwandlung und Kombination des multiformen Stilkanons im Bereich Scharnhorst- und Yorckstraße und am Leipziger Platz ist hier allerdings noch weitgehend erhalten. Das benachbart anstehende Gebäude bezieht sich spiegelbildlich angeordnet in Proportionierung, Axialität und Schmuckformen auf das beschriebene Gebäude. Das Objekt ist aufgrund seiner aufwendigen Gestaltung für die Architektur des Stadtteils Nippes ein unverzichtbares Beispiel.

Quelle: Denkmalliste der Stadt Köln, Lizenz: Datenlizenz Deutschland – Zero 2.0