Wohn- u. Geschäftshaus

Thürmchenswall 72 · Altstadt/Nord

Baudenkmalnummer DE_05315000_A_8620
Typ Gebäude-Denkmal
BezeichnungWohn- u. Geschäftshaus
Adresse Thürmchenswall 72, 50668 Köln
Baujahr1906 bis 1907
Eigentumprivates Eigentum
Eingetragen seit 30.04.2003
Stadtteil Altstadt/Nord

Erbaut 1906/ 1907 für Anton Appelbaum jun.; 3 Achsen, 4 Geschosse, ausgebautes Dachgeschoss, Putzfassade mit Stuck in neobarocken und neoklassizistischen Formen, EG verändert (Natursteinverkleidung).

Straßenseitige Fassade:

Betonung der mittleren Achse in Form eines breiten Erkers und Ziergiebels im Dachgeschoss sowie Schaufenster im EG (verändert). Holzfenster und –türen mit sprossierten Oberlichtern original.

Gliederung der seitlichen Achsen annähernd symmetrisch, d. h. Fensteröffnungen im 1. und 3. OG hochrechteckig, im 2. OG Öffnung jeweils mit Segmentbogen; Haustür links, Hofeingang rechts; linke Achse mit Loggien und entsprechend zurückgesetzten Öffnungen, schmiedeeiserne Geländer original; rechte Achse mit Fenstern und Putzfeldern.

1. u. 2. OG durch teilweise kannelierten Pilastern mit karniesbogenförmigem Abschluss zusammengefasst;

Mittlere Achse mit Erker vom 1. bis 3. OG. Betont werden 2. u. 3. OG durch die seitlichen Pilaster, die gestalteten Fensterbrüstungen, den Giebel und den etwa in Traufhöhe befindlichen Ziergiebel. Das Giebelfeld ist ausgefüllt mit Blattranken um ein antikisierend figürliches Medaillon. Breites gestuftes (vorkragendes) und verkröpftes Traufgesims.

Im DG Ziergiebel mit Korbbogenöffnung (Fenster erneuert). Barockisierend geschwungener Umriss und schlichterer Stuck als im Erker (Medaillon und Putzfelder); seitlich Gauben.

Rückfassade

3 Achsen, 4 Geschosse, backsteinsichtig, Fenster mehrheitlich erneuert (ursprünglich mit Segmentbogen)

Im Inneren original erhalten:

Hofdurchfahrt mit Wandfliesen (original) bis Brusthöhe

Vestibül: Wände bis Brusthöhe natursteinverkleidet;

Durchgangstür zum Treppenhaus: Holzfüllungstür mit Oberlicht, karniesbogenförmig geschwungen.

Im Durchgang weitere pilasterartige Rahmung in neoklassizistischen Formen.

Treppenhaus: teilweise Terrazzo, teilweise Treppenabsätze erneuert; Treppengeländer mit gedrechselten Stäben und Holzhandlauf, quadratischer Antrittspfosten mit neoklassizistischen Formen und Blumenornamenten; an den Treppenabsätzen kannelierte Pilaster.

Wohnungseingänge: Holzfüllungstüren mit floralem (Rosetten) und geometrischem Dekor, mittigem Türknauf und Oberlicht (Glas teilweise erneuert), darüber Abschluss mit Schulterbogen;

Wohnungstüren (Holztüren mit Füllung und Sprossen sowie kassettierte Laibung).

DG: Waschküche in Wohnung umgenutzt;

Hinterhaus

Wohnnutzung: 6 Achsen, 4 Geschosse, backsteinsichtig, Fenster im EG mit originaler Teilung, sonst Fenster mehrheitlich erneuert (ursprünglich mit Segmentbogen); Flachdachabschluss (nach Kriegsschaden erneuert).

Treppenhaus zu den Ateliers im Hinterhaus: 3 Achsen, von der Hinterhausfassade etwas zurückgesetzt, Öffnungen im EG verändert;

Im Inneren original erhalten:

Treppenhaus: Betontreppe mit Eisengeländer; teilweise Holzfüllungstüren;

Nicht Bestandteil des Denkmals ist das Ateliergebäude: In dem ehem. Gewerbebetrieb, in dem der Erbauer eine Schreinerei betrieb, befinden sich heute Künstlerateliers.

Verändert, lediglich Treppenhaus wie Mittelhaus;

Hofseitig die rechte Hälfte mit großen Öffnungen (verändert).

Das o.g. Objekt ist ein Baudenkmal im Sinne von § 2 Abs. 1 u. 2 des Denkmalschutzgesetzes (DSchG NW). Das für die Qualifizierung als Baudenkmal notwendige öffentliche Interesse ist gegeben, da dieses Denkmal sowohl bedeutend für die Geschichte des Menschen und für Städte und Siedlungen ist, als auch künstlerische, wissenschaftliche und städtebauliche Gründe für seine Erhaltung und Nutzung vorliegen. Das ergibt sich aus Folgendem:

Die von Joseph Stübben geplante Kölner Neustadt gilt als bedeutendste Stadterweiterung des Deutschen Reiches im ausgehenden 19. Jahrhundert. Im Zuge ihrer 1881 beginnenden Durchführung entstand im Norden der Neustadt (ehemaliges Rayon-Gelände) zwischen Riehler- und Neusser Straße das sogenannte "Gerichtsviertel" um den Palast des Oberlandesgerichtes, ein mittleren und gehobenen Ansprüchen genügendes Wohnviertel. Daran angrenzend erstreckt sich im Bereich der großen Grünanlage nordöstlich des Ebertplatzes das ehemalige Villenviertel am nördlichen Rheinufer. Der sich nach Süden anschließende, an der markanten Grenze zwischen nördlicher Alt- und Neustadt in Richtung zur Kölner Altstadt verlaufende Abschnitt im Bereich Konrad-Adenauer-Ufer/Thürmchenswall/ Niederich-/ Dagobertstraße weist die besonderen Vorzüge der Nähe zu Flora, Botanischem und Zoologischem Garten und zum Citybereich auf.

Der Thürmchenswall als Ost-West-Verbindung zwischen Turiner Straße und Konrad-Adenauer-Ufer wurde im wesentlichen in den Jahren um die Jahrhundertwende bebaut. In diesem Bereich entstanden für eine mittelständische und gehobene Bewohnerschaft errichtete 4- bis 4 ½ -geschossige Wohn- und Mietwohngebäude auf breiten Parzellen mit Anbauten und Seitenflügeln mit Seitenbauwohnungen im rückwärtigen Bereich, sowie einer engen Hofsituation.

Das Gebäude Thürmchenswall 72 ist Bestandteil der geschlossen erhalten gebliebenen Bebauung, die das Erscheinungsbild der Straße und den Charakter des Viertels dokumentiert und bewahrt. Die weitgehend gleichförmigen Schauseiten mit Stuckdekorationen, die gelegentlich Vorbauten in Gestalt von Erkern, Risaliten und Ziergiebeln zeigen, geben der Bebauung ihr charakteristisches Gepräge.

Als Teil der ursprünglichen planmäßigen Bebauung der Straße ist das Gebäude mit weiteren in der Nachbarschaft anstehenden Objekten und angrenzender Seitenstraßen Teil des städtebaulichen Ensembles von hauptsächlich 4- bis 4 ½ -geschossigen und 3- bis 4-achsigen Häusern mit historistischen Fassaden.

Dem gehobenen Charakter des Wohnumfelds entspricht die aufwendige Fassadenarchitektur mit plastisch vorkragenden Fensterverdachungen, Balkonen, Erkern und Schmuckgiebeln in relativ individueller Kombination. Die Betonung der Obergeschosse mittels der monumentalordnungsartigen Abstufungen der Achsen und Geschosse weist auf die Repräsentationsfunktion der dahinter liegenden Räume hin.

Aufgrund der Erhaltung wesentlicher Teile der Originalsubstanz, insbesondere der straßenseitigen Fassade (ausgenommen die Fassade des Erdgeschosses) mit aufwendigem Stuckdekor und der backsteinsichtigen Rückfassaden ist das Gebäude für das Erscheinungsbild des Bereiches der Altstadt und Neustadt/Nord und als Dokument sowohl des Sozialstatus als auch der Repräsentationsbestrebungen seiner Bewohner von Bedeutung.

Die bauliche und gestalterische Einheit mit benachbarten (Nrn. 62 und 64 mit reichem Stuckfassaden) und gegenüberliegenden Häusern (Nrn. 55-63) setzt sich aus aufeinander bezogenen Fassaden zusammen und bildet neben anderen gleich proportionierten und variantenreich dekorierten Gebäuden ein Ensemble historistischer Architektur. Während angrenzende Gebäude und weitere der gegenüberliegenden Häuserzeile im Zweiten Weltkrieg und später zerstört wurden, in modernen Formen wieder aufgebaut (Nrn. 47 und 60) wurden oder als Neubauten erstanden, ist die äußere Gestalt des Gebäudes Nr. 72 weitgehend erhalten.

Erbaut von den Urgroßeltern der jetzigen Eigentümer, Anton Appelbaum, befindet sich das Gebäude seitdem in Familienbesitz. Erstmals im Adressbuch vom 1907 erwähnt, befand sich im rückwärtigen Gewerbebetrieb eine Schreinerei sowie die Galvanoplast. Anstalt Arens C & J.

Im 2. Weltkrieg nimmt das Gebäude bei einem Luftangriff (Spreng- und Brandbombenabwurf) der Briten am 29.06.1943 nur vergleichsweise geringen Schaden. Der mit der Schadensbehebung beauftragte Architekt Philipp Marette weist in seinem Antrag vom 10.12.1943 an den Baueinsatzleiter im Polizei-Revier 5 auf folgendes Schadensbild hin:

Risse an Decken und Wänden in dem bewohnten Vorder- und Seitenhaus bedürfen der Ausbesserung, teilweise müssen die Wände erneuert werden. Gleichzeitig muss die Dachkonstruktion instand gesetzt werden. Das Treppenhaus den hinteren Seitenbaus braucht ebenfalls ein neues Dach.

Das Objekt Thürmchenswall 72 ist daher für das Erscheinungsbild der Straße und als Zeugnis für die reiche Kölner Stadtarchitektur des späten 19. Jahrhunderts aus städtebaulichen, künstlerischen und architekturgeschichtlichen Gründen zu erhalten.

Quelle: Denkmalliste der Stadt Köln, Lizenz: Datenlizenz Deutschland – Zero 2.0