Wohnhaus

Gocher Straße 19 · Nippes

Baudenkmalnummer DE_05315000_A_7449
Typ Gebäude-Denkmal
BezeichnungWohnhaus
Adresse Gocher Straße 19, 50733 Köln
Baujahr1907
Eigentumprivates Eigentum
Eingetragen seit 27.04.1995
Stadtteil Nippes

Erbaut 1907, Bauunternehmer und Architekt Hugo Henn, Wohnhaus des Architekten, Halbvilla auf annähernd rechteckiger Grundfläche mit verschiedenen gerundeten und rechteckigen Ausbauten. Hoher Sockel, 3 Geschosse ausgebautes Dachgeschoß (in neuester Zeit verändert), Mansarddach mit flachem Abschluß, Keramikfassade mit Gliederungen in Werk- und Sandstein in Formen des Jugendstils, Heimatstileinfluß, 3 Achsen, konsolgetragener Erker auf rechteckigem Grundriß, zweigeschossiger gerundeter Erkerausbau an der linken Gebäudekante auf rechteckigem Sockel, abschließende Terrasse, die mittlere Achse bis zum zweiten Obergeschoß mit leichter konvexer Wölbung, Fensterbekrönung dort im 2. Obergeschoß als schieferimitierende Bleiverdachung. Konsolgetragenes Traufgesims in Holz. Von Sandstein gefaßte Öffnungen, Laibungen gekehlt und profiliert, Hauseingang in der rechten Achse mit geradem oberen Abschluß, verglaste Holztür erneuert (1950er Jahre), rundes Oberlicht, individuell gestaltete Fensterformen mit deutlich abgesetzten, an den Ecken gerundeten Oberlichtern, an der straßenseitigen Fassade zu Dreiergruppen zusammengefaßt (im Hochparterre eine Einheit mit segmentbogig abschließenden Fenstern). Sockelgeschoß: sprossengeteilte Holzfenster original, schmiedeeiserne Vergitterung. Erdgeschoß: zum Teil originale zweiflügelige Holzfenster mit Oberlicht, teilweise als Einscheibenfenster mit Oberlicht erneuert, Eckausbau mit dreiteiliger Fensterstellung.

Rückseite: sechsteiliger Altan mit Terrasse und gerader, zweiläufiger Treppe mit Richtungswechsel, die Zugang zum Garten gibt, Metallgeländer. Balkon im Erdgeschoß mit Treppe zum Garten, Geländer in Metall. Verglaste Wintergärten auf halbrundem Grundriß in allen Geschossen, Belvedere, Treppenhausrückbau mit Balkon je Geschoß, Metallvergitterung, dreigeteilte Befensterung im Treppenhaus mit mittlerer Balkontür, Holz, original (im 3. Obergeschoß Fenster erneuert), originale sprossengeteilte Wintergartenbefensterung mit Oberlicht, Holz. Zusammengefaßte Fenster mit Laibungen in Sandstein, Fenster zum großen Teil original erhalten (zwei Fenster im 1. Obergeschoß durch Einbau von Glasbausteinen geschlossen).

Im Innern original erhalten: Vestibul: Marmorbodenbelag, Wandverkleidung in Marmor bis ca. 2,50 m Höhe, Marmortreppe, Stuckkassettendecke als Tonnengewölbe mit Gurten und geometrischem Ornament, links Treppe zum Keller in Terrazzo, gußeisernes Treppengeländer mit reichem Schmuckdekor und Blumenmotiven, Einschluß einer Laterne, Handlauf in Holz, segmentbogiger Durchgang zum Hochparterrepodest, Kreuzgratgewölbe in Stuck, zweiteilige verglaste Wohnungseingangstür in Pinienholz mit sprossengeteiltem Oberlicht und Einschluß hochovaler Glasfenster, alle Gläser geschliffen, zweiteilige verglaste Zugangstür zum Treppenhaus, Pinienholz, sprossengeteiltes Oberlicht, geschliffene Gläser. Treppenhaus: Terrazzotreppe, Holzgeländer, Zwischenpfosten, Podeste und Zwischenpodeste mit Bodenfliesen in geometrischem Sternmuster, Jugendstilwandfliesen bis halbe Höhe, beige/hellblau, Wand- und Deckenstuck.

Erdgeschoß: Diele: (ursprünglich offene zweigeschossige Diele bis in das 1. Obergeschoß): mehrfarbiger Marmorbodenbelag, Rahmung der Türen in Marmor, Stuckkassettendecke, abgesetzt mit goldfarbenem Eierstab. Eingebaute Marmorbank mit anschließenden Marmorintarsien an der Wand (Früchtekorb), in die Wand eingelassene Gipsstuckreliefplatte vor goldfarbenem Hintergrund mit figürlicher Darstellung im Stil des 19. Jahrhunderts ("Apoll auf dem Parnass, umgeben von den Musen"). In den Wohnräumen: Parkettboden (ursprünglich Linoleumbodenbelag), individuelle Deckenstuckierung (Balkenstuckdecken, ovale Stuckdecken, Stuckdecken mit geometrischem Muster), zweiteilige Holzschiebetüren, vierteilige, über die gesamte Raumbreite reichende verglaste Tür zum Wintergarten. Wintergarten mit sechsteiligen Bodenfliesen, Dekkenstuck.

1. Obergeschoß: Diele: Holzvertäfelung bis halbe Wandhöhe, Wandstuck, Türgewände in Holz, Türen mit sprossengeteilten Oberlichtern in Jugendstil/art deco-Formen, Stuckkassettendecke, gold/blau (Ausmalung erneuert). In den Wohnräumen individuell gestaltete Stuckdecken, originale Heizkörper mit hintergelegenen Fliesen, im gartenseitigen Wohnraum bemalte Stuckdecke: Rosenranken eingefaßt in geometrische Dekoration (zum Teil ergänzt). Vierteilige verglaste Tür mit sprossengeteilten Oberlichtern zum Wintergarten (erneuert nach alter Vorlage). Wintergarten: Bodenfliesen blau/grün, originale Verkleidung der Heizkörper in Metall, Ankleideraum mit originalen Einbauschränken und Spiegel.

2. Obergeschoß: Diele: Stuckkassettendecke, originale Türen und Gewände (eine Ausnahme), im Wohnraum Stuckbalkendecke. Durchgang zum Wintergarten als dreiteilige Öffnung mit Mitteltür, im Wintergarten originale Heizkörperverkleidung in Metall.

Straßenseitige, links im Anschluß an die Villa gelegene Toranlage mit Seiteneingang in barockisierenden, zum Teil konkav gewölbten Formen: gemauerte und verputzte Pfeiler und Mauern mit vollplastischen Bekrönungen in Jugendstilform, Fugenschnitt, aufgesetzte grußeiserne Vergitterung, zwei- flügliges Metalltor mit oberer Vergitterung und bekrönender Kartusche mit Einschluß der Initialen HH.

Parkähnlicher Garten mit altem Baumbestand, Gartenlaube in Holz auf oktogonaler Grundfläche, rundum vorkragendes Holzdach, vierteilig verglast, Rosenspalier auf annähernd runder Grundfläche (Durchmesser ca. 8 m), Metall.

Im Gebiet des heutigen Stadtteils Nippes sind Ansätze industrieller Produktion bereits ab 1800 nachweisbar; diese Entwicklung setzte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fort und ließ den 1888 zu Köln eingemeindeten Stadtteil zu einem wichtigen Industriestandort heranwachsen. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs der Ort, dessen Hauptverkehrsachsen die Mauenheimer,- Merheimer- und Niehler Straße bildeten, rasch an. Diese Entwicklung ist begründet in der räumlichen Nähe zur Kölner Innenstadt und in der verkehrsgünstigen Anbindung durch einen eigenen Bahnhof. Es entstanden neue Wohnbereiche beiderseits der Kempener Straße (um die damals errichteten Kirchenbauten St. Marien und die Lutherkirche). Um die Jahrhundertwende bis ca. 1914 wurden nördlich der Mauenheimer- und Florastraße, die Wohngebiete um den Leipziger- und Erzberger Platz erschlossen; das übrige Vorortgebiet weitete sich bis zum Inneren Grüngürtel nach Süden aus. Im wesentlichen prägen bis 1900 entstandene zwei- bis dreigeschossige, oft drei Fenster breite Wohnhäuser in Backstein mit sparsamen Dekorationsformen, und bis ins frühe 20. Jahrhundert geschaffene, drei- bis viergeschossige Bauten mit teilweise reich dekorierten Fassaden in Stuckarchitektur den Stadtteil.

Die Gocher Straße wurde von 1908 - zwölf Jahre nach der Aufgabe der Bahnlinie Köln-Neuss-Krefeld und der Anlage der Kempener Straße (ab 1898) anstelle der Bahntrasse, die Nippes vom Ortsteil Sechzig trennte - als Parallele zu Merheimer- und Turmstraße angelegt. Das Gebäude Gocher Straße 19 liegt im Nordwesten des Stadtteils Nippes, dem ursprünglich Sechzig-Viertel genannten Ortsbereich an der Grenze zum Stadtteil Bilderstöckchen. Das Sechzig-Viertel fand seine ursprüngliche Begrenzung im Osten durch den Bahndamm (heute Kempener Straße) und wurde von Nippes aus durch die Holbein- und Lohsestraße erschlossen. Bis heute hat dieses Wohngebiet zwischen Neusser Straße und der jetzt parallel zur Escher Straße verlaufenden S-Bahn-Trasse sein kleinteiliges Gefüge bewahrt. Die städtebauliche Entwicklung der ehemals ländlich geprägten Teile ist in diesem Bereich eng miteinander verwoben.

Die Gocher Straße im Bereich zwischen Hogenberg- und SimonMeister-Straße ist charakterisiert durch eine aufgelockerte Bebauung mit zum Teil freistehenden großzügigen Wohngebäuden und unbebauten Grundstücken und Grünflächen. In der weiteren Umgebung dieses Wohnquartiers erwarb der Bauunternehmer und Architekt Hugo Henn zu Anfang des Jahrhunderts zahlreiche breite Parzellen, die er in den darauffolgenden Jahren (1905 - 1913) nach eigenen Entwürfen mit Mietwohngebäuden bebaute und im Anschluß veräußerte (Simon-Meister-Straße: 19, 23, 25 a, b, c, d, 32 - 40; Gocher Straße 17 - 25; Auguststraße 52; Hartwichstraße 92, 96 - 102; Merheimer Straße 206 - 214; Sechzigstraße 131, 133; Ulrich-Zell-Straße 1 - 9, 2, 10).

Das teilweise freistehende, von einem parkähnlichen Garten umgebene Einfamilienhaus des Architekten Henn in der Gocher Straße 19 - seit dem 19. Jahrhundert wird dieser Bautyp mit dem Begriff "Villa" bezeichnet, während seine Wurzeln im Landhausbau des 18. Jahrhunderts liegen - zeigt eine Gestaltung der Schauseiten, die ihre Herkunft von der Jugendstilarchitektur als Gegenbewegung zum Stilpluralismus der historistisch-klassizistischen Stuckfassadenarchitektur mit Auflösung des Tektonischen durchaus erkennen läßt, hier allerdings bereits durch das Aufkommen einer neoklassizistischen Strömung überlagert wird. Die Ornamentik (dekorative, der Steinarchitektur verbundene Fassadengestaltung in Kombination mit einer Flächengestaltung aus weißen Keramikfliesen) ist erstarrt und reduziert zu einfachen, klaren Formen, die sich dem Vorrang der Architektur in der Fassadengestaltung klar unterordnet.

Die Gestaltung der Interieurs zeigt demgegenüber eine gewollt uneinheitliche Gestaltungs- und Formensprache, die aus dem reichen Fundus der Epochenstile und zeitgemäß modernen Stilarchitektur schöpft. Die musterkatalogartige Dekoration im Inneren, die rein formal-ästhetische Anwendung, Abwandlung und Kombination des zur Verfügung stehenden Formenkanons erscheint hier als Verwertung austauschbarer Schmuckformen. Möglicherweise nutzte der Architekt sein eigenes Wohnhaus mit vielfältig gestalteten und anregend präsentierten Räumen im Sinne eines Anschauungsobjektes für seine Bauherren, wobei die hier ausgeführte, im dreidimensionalen Raum verwirklichte Präsentation einen viel zwingenderen Eindruck zu vermitteln vermochte als der herkömmlicherweise gebrauchte Musterkatalog. Die hier anstehende Architektur verdeutlicht, daß die an den Epochenstilen sich orientierenden Bauherren und Architekten Versatzstücke als "Dekoration" verwerteten. Die Villa Gocher Straße 19 ist ein gebautes Dokument der Geschmacksgeschichte in Wilhelminischer Zeit. Ihr Wert für die Kölner Stadtbaukultur ist unverkennbar. Aufgrund der, bis auf unwesentlich veränderte Details weitgehend erhaltenen Substanz ist das Gebäude sowohl für das Erscheinungsbild der Gocher- und umgebender Straßen als auch als Dokument für die städtisch geprägte Gestaltung der gebauten Umwelt, sowie zur Veranschaulichung historischer Wohn- und Repräsentationsformen zu Anfang des 20. Jahrhunderts von hoher Bedeutung.

Quelle: Denkmalliste der Stadt Köln, Lizenz: Datenlizenz Deutschland – Zero 2.0